Tilman Krämer:
Heimkehr - Versöhnung - Abschied
 
Die drei letzten Klaviersonaten spielen durch ihre ästhetische Autonomie eine Sonderrolle im Schaffen Ludwig van Beethovens, dessen Name wie kein anderer für die „Individualisierung“ der Sonatenform steht. Der faszinierend phantastische und improvisatorische Gestus der Werke hat schon immer sowohl Pianisten als auch Zuhörer in seinen Bann gezogen. 
Höhepunkt der ersten Sonate der Trias ist der ausgedehnte Schlusssatz von op. 109 in E-Dur, ein Variationensatz, dessen magisches Thema in apotheotischer Dimension wiederkehrt und darin stark an Bachs Goldbergvariationen erinnert. In der Sonate op. 110 in As-Dur beschreitet Beethoven einen anderen Weg: er beginnt mit einer Pose der Unschuld. Über Zwist und Streit führt er zu einer tiefen, leidvollen Klage, überwindet diese aber letztlich und beschließt die Sonate versöhnlich in einem hymnischen Aufschwung. Der 1.Satz der letzten Sonate op. 111 in c-Moll, gelegentlich als Beethovens „Sonate testament“ bezeichnet, ließe sich mit den Worten des Beethoven-Biographen Adolph Bernhard Marx als Rückerinnerung an ein mächtig umkämpftes Leben beschreiben. Der 2. Satz entzieht sich einer klaren Beschreibbarkeit: er entführt den Hörer in Sphären unendlicher Zartheit, der Einsamkeit und des Friedens. 
Man darf gespannt sein wie der Pianist Tilman Krämer die drei letzten Sonaten Beethovens interpretieren wird, wird ihm doch nachgesagt, dass er „über eine selten gewordene Fülle an künstlerischen Möglichkeiten verfügt, verbunden mit der noch selteneren Fähigkeit, ihren Einsatz genau abzuwägen“ („Kultiversum“).

Biographie
Der Pianist Tilman Krämer entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem der interessantesten Künstler seiner Generation. Neben seiner intensiven Konzerttätigkeit (u.a. im Rahmen des Schleswig-Holstein-Musikfestival, der Schubertiade Japan, dem Ankara Music Festival, dem Kammermusikfestival auf Schloss Elmau, dem Bach Fest Leipzig, dem Brahms-Festival Lübeck und als „Artist in residence“ beim Festival Malaga Clasica), Rundfunk-und Fernsehaufnahmen in Japan, China und für alle bedeutenden deutschen Radioanstalten erhielt er besonders durch die Einspielung des frühen Klavierwerks von Brahms internationale Aufmerksamkeit (Nominierung für den Deutscher Schallplattenpreis und zahlreiche Auszeichnungen internationaler Musikmagazine). Prägende Lehrer waren Paul Buck in Stuttgart und Konrad Elser in Lübeck. Weitere künstlerische Impulse erhielt er in Wien durch die Arbeit mit Elisabeth Leonskaja und Oleg Maisenberg. Neben seinen solistischen Aktivitäten gilt ein besonderes Interesse von Tilman Krämer der Kammermusik. Er konzertierte gemeinsam mit Mitgliedern des Alban Berg Quartetts und des Artemis Quartetts, sowie mit Jean Guihen Queyras, Torleif Thedéen, Daishin Kashimoto, Martin Ostertag, Bruno Schneider und dem Cuarteto Quiroga. Seit 2007 leitet er eine Klavierklasse an der Musikhochschule Freiburg, aus der regelmäßig Stipendiaten bedeutender Stiftungen und Preisträger etlicher internationaler Wettbewerbe hervorgehen. Masterclasses und Jurytätigkeiten führten ihn u.a. nach Frankreich, Spanien, China, Japan, Italien (Ferruccio Busoni Wettbewerb 2021) und seit 2012 jährlich zum Festival „Forum Musikae“ in Madrid.